Oh, Du dummes, dummes Fernsehen!

Macht „Unterschichtenfernsehen“ dumm? Ein gewagter Selbstversuch vor einiger Zeit, mit vier Stunden Privatfernsehen, in all seinen Facetten, sollte den Beweis erbringen.
10:00 Uhr
Eben habe ich die erste Sendung absolviert, die „normalen“ Werktätigen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen würde. RTL’s „Mein Baby“. Gruselig zu beobachten, wie sich echte Menschen prostituieren und einen Grossteil ihrer Schwangerschaft der Öffentlichkeit preisgeben. Die dicke blonde Mutti hat gerade ihr Kind mit einer PDA bekommen. Das ist so eine Betäubungsdingens und kein toller kleiner Taschencomputer. Als sie zu sich kommt, ist auch schon das Baby da. 2670g wiegt es und heisst Lenart Bo. Ein Name, der dem Klientel fast nicht gerecht wird. Schließlich heißen die Kinder aus „Mein Baby“ im Normalfall eher Justin, Jason, Kevin, Enrico oder Jaqueline…
10:57 Uhr
Werbung. Warum hat der Waschmaschinen-Reparateur einen Oberlippenbart und einen türkischen Akzent? Rassistischer geht’s kaum noch, oder? Es sollen die Kinderärzte folgen, ich schalte erschreckt auf RTL2. Es läuft „Big Brother“! Es muss die Entscheidungsshow von Montag sein. Die hocken gerade alle nur in einem Kreis herum und diskutieren irgendeine Gruppenbildung. Warum läuft dieser ekelige Klaus eigentlich immer so sparsam bekleidet durch die Gegend? Uwe und so eine Tussi streiten sich. Irgendwas mit „Du bist nicht komisch und rauchst meine Zigaretten weg“. Überlege gerade ob die vorher eine Gehirnwäsche bekommen haben, bei denen ihre Denk- und Verhaltensfähigkeiten auf die 12jähriger zurückgesetzt wurden. Jetzt labern die schon wieder wer zu wenig im Haushalt macht und wer wen nicht leiden kann. Schade, ich dachte die zeigen mehr Titten. Ich schalte um.
11:30 Uhr
Auf ProSieben läuft „Start Up“ mit Ryan Phillipe – zu anspruchsvoll. Zapp! Sat.1 und „Richterin Barbara Salesch“. Nein danke. Zapp! Ich lande erneut bei RTL und „Unsere erste gemeinsame Wohnung“. What The Fuck?! Zwei alte Omis suchen eine gemeinsame Wohnung. Am liebsten ein ebenerdiges Haus, um ihre Hüftgelenke zu schonen. Habe den Einstieg verpasst, weiss jetzt nicht ob das Lesben sind und habe gerade ein Bild vor mir mit zwei Trockenpflaumen die sich aneinander reiben. Jedenfalls haben sie ein Katze namens Marie, der soll es auch gut gehen. Astrid gefallen die Mamorfensterbänke, aber Hilde nicht. Jetzt stellen sie fest, dass man die alten Tapeten aus den 70 Jahren nicht einfach überstreichen kann und das man sie abkratzen muss. Schon wieder Werbung – Persil Actic Power. Die blöde Tussi meint, soviel wie das wäscht kann ich gar nicht shoppen. Was die nicht alles weiß. Ich gehe mal kurz gucken was die Menschen im Container machen.
11:42 Uhr
RTL2 und sein Erfolgsformat „Big Brother“: Die Blonde streitet sich mit dem im gelben Pullover. Ich glaube, diese Konstellation habe ich heute noch nicht gesehen. Klaus ist schon wieder nicht angezogen. Gruselig! Fummelfreundin „Alexandra gefällt es nicht, dass sich Robert mit Anja wieder versöhnt hat“ faselt eine O-Ton Sprecherin aus dem Off. Wow, ich habe doch fast ein wenig Mitleid.
11:47 Uhr
Zurück auf RTL. Die beiden Omas lassen immer noch ihre Kinder die Wohnung restaurieren. Der Enkel Thore malt die Fensterbänke weiß an und ich möchte seiner Mutter den Preis für den blödesten Jungennamen nach Hubertus überreichen. „Hilde hat Kartoffelsalat mit Würstchen vorbereitet, das geht schnell und macht kaum Umstände“ meint der RTL-Sprecher. Keine Ahnung wie er bei dem ganzen Quatsch so seriös und ernst bleiben kann. Ich würde Angesichts dieser mehr als merkwürdigen Situationen in schallerndes Gelächter ausbrechen. Jetzt sind die beiden Omas in der Möbelfundgrube/Second Hand Möbelhaus, denn Astrid will sich für ihr Wohnzimmer eine neue Couch gönnen. Kosten für Ledergarnitur: 350 Euro! Nicht zu vergessen: die Katzendecke. Damit sie in der neuen Wohnung ihren alten Geruch hat. Und weil sie schon mal da sind, soll auch gleich ein neuer RFT-Fernseher her. Farbe egal, Hauptsache die Lautstärke lässt sich schön hochdrehen!
11:58 Uhr
„Punkt 12“ auf RTL: Die ersten einleitenden Worte sind der grausigste Fund des Tages. Wo ist Katja Burkhardt wenn man sie mal sehen mag? Ich will diese Roberta nicht. Was ist Roberta überhaupt für ein Name? Das klingt wie „Hoffentlich wird es ein Junge! Och nöö, es ist ein Mädchen!“. Erste Nachricht: Familiendrama in Oberbayern. Eine ganze Familie wurde tot in ihrer Wohnung gefunden. Keiner bekam was mit. Dabei lagen sie wahrscheinlich schon das ganze Wochenende in der Wohnung. Ich hoffe das Konzept von „Punkt 12“ ist es erst die schlechten Nachrichten zu bringen. Denn soviel Drama am Mittag ist auch für mein Seelenempfinden zu viel. Ah, es geht weiter mit Schmuddelwetter und wie man die Feiertage auch bei diesen Ekelwetter überstehen kann. Puh, „Punkt 12“ hat es geschafft sich fast übergangslos von einer Katastrophe in die andere zu retten. Eben noch zwei Tote Kinder in der Wohnung, jetzt zwei Kinder in quietschbunten Regenklamotten auf dem Kinderspielplatz. Alles unterlegt mit Musik von Culcha Candela. Genau da gehören sie hin.
Es bleibt mir kaum eine Atempause, denn die nächsten Schreckensnachrichten folgen. Thomas Präkelt berichtet vom Landgericht Ulm über den Fall, wo zwei Freunde Eltern und Schwester umgebracht haben. „Punkt 12“ entdeckt einen geheimen Mordcode. Fünf irgendwas, vier Opfer, zwei Täter, usw. Schnell noch die Leute auf der Strasse befragt und auf geht’s zum nächsten Thema. Roberta schließt das Thema mit „ganz schrecklich“ ab, um zu berichten, wie Carla Bruni und der französische Präsident zuerst in ein Fast Food Diner gingen, bevor sie auf dem geladenen Obama-Dinner erschienen. Ich glaube, so langsam erkenne ich das redaktionelle Prinzip von „Punkt 12“. Das nächste Thema ist die kleine Lea, welche von ihrer Mutter umgebracht wurde. Die Reporter vergessen nicht zu erwähnen, dass die Mutter, welche ihre kleine Tochter verhungern lies, übergewichtig war. Es ist ein auf und ab zwischen Schrecken und Freuen. Bin mir gerade meiner Gefühle nicht sicher. Nebenbei schickt mir ein Kollege ein Bild von einer toten Taube. Mir geht es besser, doch „Punkt 12“ ist noch lang nicht vorbei.
Weiter geht es mit der nächsten Schreckensnachricht: ein Tankstellenwart verlangt einen Euro für die Luftfüllstation, zwei Euro für das putzen der Fensterscheiben und zwei Euro für das parken an der Tankstelle. Die Leute sind entrüstet. Das tote Baby ist Gott sei dank schon vergessen. DIESE ABZOCKER! Roberta lacht, weil die nächste Nachricht so lustig ist. Menschen bleiben in einem Karusell stecken. So ein Drehding, was auch noch schaukelt am höchsten Punkt, mehrere Stunden lang. Lustig, haha! Doch kaum hat sich mir fast ein kleines Grinsen ins Gesicht gezaubert sehe ich Roberta schon wieder mit finsterer und trauriger Mine. Es geht um dicke Frauen, die sich von ein- und demselben Typen haben betrügen lassen. Ich habe Kopfschmerzen und entscheide mich dazu erst einmal eine Kleinigkeit zu essen.
12:34 Uhr
Ich schalte um zu „Richter Alexander Hold“ auf Sat.1. Ich hoffe ich finde noch einen Einstieg in diesen schweren Fall. Ein alter Mann erzählt was von wilden Partys und seiner 17jährigen Tochter. Auf der Anklagebank sitzt ein Typ namens Tim, der aussieht wie Frank Lämmermann. Aber hey, es geht um Mord. Das macht diese ganze Sendung gleich glaubwürdiger. Der alte Mann ist verschuldet und soll seinen Chef umgebracht haben, um seine Tochter und seiner gierigen Exfrau alle Wünsche erfüllen zu können. Die Staatsanwältin wird gleich ganz hysterisch und schreit den Angeklagten an. So sieht es also in deutschen Gerichten aus? Oh, jetzt habe ich es kapiert, ich weiss wer der Täter ist. Die Tochter von dem Angeklagten hatte was mit seinem Chef, dem alten Knacker. Dann kam Chuck Norris und schlug ihn mit seiner dritten Faust zu tode. Die blonde Anwältin sagt Sachen wie „drauf herumreiten“ und „hart rangenommen“. Ich glaube sie ist sexuell sehr unbefriedigt. Na, wenigstens gibt es hier dumme Blondinen mit fast großen Titten zu sehen. Das gleicht schon fast einem Porno. Staatsanwalt Swenorischki Swarowski hält sein Plädoyer und verlangt Haftstrafen für alle. Ich glaub das Plädoyer von Mandana Mauss spare ich mir. Wir wissen ja wer Schuld an der ganzen Misere ist: Laienschauspieler. Adrian Hubert bekam 12 Jahre wegen Totschlag. Gleich „Britt“. Thema: „Störfaktor Hass, wird die Liebe heute siegen?“
13:00 Uhr
„Britt“ auf Sat.1: Die dicke Gabi (26) weigert sich mit dem zahnlosen Typen, mit dem sie seit neun Jahren zusammen ist, zu schlafen, weil seine Socken stinken und er den Müll nicht runterbringen mag. Seit dem Tot ihres Vaters ist sie in einen Putzfimmel verfallen und reibt lieber das Putztuch als ihre Schenkel. Britt meint „Im Wohnzimmer wird gesaugt, aber im Schlafzimmer passiert nichts!“. Mein Kopfkino schaltet ab. So schlimme Sachen kann selbst ich mir in meiner großen und reichhaltigen Fantasie nicht ausmalen.
13:18 Uhr
Werbung! Verdammt ich finde die Fernbedienung nicht!
13:24 Uhr
Auf ProSieben läuft „It’s My Life“. Drei Bewerber wollen in einem Tatoostudio auf Gran Canaria arbeiten. Eine Blondine und zwei Typen. Die Drei müssen sich wichtigen Aufgaben stellen bevor einer von ihnen den Job bekommt. Das kommt mir alles so bekannt vor. Hatte die Sendung nicht vor einem halben Jahr noch einen anderen Namen? „3 Bewerber, 1 Job, Deine Chance“ oder so? Das ist Resteverwertung. Einfach einer alten Sendung ein neues Kleid verpassen, den Inhalt beibehalten und als „neu“ verkaufen lässt mich nur den Kopf schütteln.
13:29 Uhr
Mal wieder Werbung. Verona Ehemaligfeldbuschjetztpoth macht Werbung für Kik. Sie meint Qualität kommt von Quälen und wer die Qualität von Kik kennt, weiss das dieser Spot eine einzige Qual ist. Ich will meine nackte Kik-Tante wieder haben…
13:32 Uhr
Ich bin wieder bei „Punk 12“ auf RTL gelandet. 90% der Dokus auf dem Luxemburgischen Sender sind doch „versteckte Kamera“-Tests von Waschmaschinen-Reperateuren. Wo ist eigentlich der neue türkisch-akzentuierte Calgon Mann? Dem Reporter wird Schläge angedroht. Ach, wäre das jetzt erheiternd. Das Fazit dieses Tests: alles ist noch schlimmer und man sollte auf Tipps aus dem Freundeskreis vertrauen und nicht auf die großseitigen „Gelbe Seiten“-Anzeigen. Ah ja, vielen Dank. Wieder Werbung. Danach geht es weiter mit einem Großfamilieneinkauf. Ein kleiner Ausschnitt zeigt wie Järämie ein Paket Eier fallen lässt. O-Ton des Vaters: „Großartig Jäääähräääämiiieeee!“. Habe Angst was bei „Britt“ zu verpassen, schalte daher wieder auf Sat.1 zurück.
13:39 Uhr
Bei „Britt“ tun sich menschliche Abgründe auf. Herrje, Benjamin ist sich nicht sicher, ob er der Vater von Nadines Tochter ist. Puh, aber eine Kleinigkeit für das „Britt“-interne Vaterschaftslabor! Benjamin sagt „Du hast gesagt, Du machst Schluss mit mir, als ich im Knast war!“. Es könnte also auch der Schaun gewesen sein, der sie geschwängert hat. Aber sie trug ein Kondom und Benjamin stellt fest, dass Kondome auch mal reißen können – das weiss er von seinen Eltern! Gleich gibt es das Ergebnis. Bedeutungsschwanger fragt Britt noch mal den Benjamin, ob alles so bleibt wie es ist, auch wenn er nicht der Vater ist. Dann fragt sie die Nadine, ob sie sicher ist das das Kondom nicht gerissen ist. Beide antworten mit Ja. Britt sagt: „Das Ergebnis ist zu 99,99%…“. Werbung! What The Fuck?! Na wenigstens kann man 1.000 Euro gewinnen, wenn man weiß, welchen Scherz es NICHT gibt: den April- oder den August-Scherz?! Gähn… ich bin unterfordert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Ergebnis abwarten soll, oder ob ich die restlichen 10 Minuten doch noch für eine Dosis „Punkt 12“ verschwende? Ich erobere mir die Fernbedienung zurück.
13:51 Uhr
„Punkt 12“: Zwei Polizeibeamte jagen Fahrraddiebe in Wittstadt. Uncool, schnell zurück zu Sat1.
13:52 Uhr
Verdammt, jetzt habe ich das Ergebnis verpasst. Aber die Blondine Nadine heult. Das kann nur bedeuten das der Benjamin der Vater ist! Meinen Glückwunsch.
13:55 Uhr
Mein Telefon klingelt, ich höre eine mir bekannte Stimme und reiße mich los vom TV-Wahnsinn der letzten vier Stunden. Was ist also geblieben? Kurz und bündig: nix. Aber mal im ernst: Wer hätte etwas anderes erwartet? „Unterschichtenfernsehen“ macht keineswegs dumm. Es wird lediglich von Dummen für Dumme gemacht. Alle anderen dürfen verzweifeln oder sich an einem Strohhalm bitterster Erkenntnis erfreuen: Nicht alles was glänzt ist Gold.
Bild: Uwe Heinrich Adler

2 thoughts on “Oh, Du dummes, dummes Fernsehen!

  1. Volksverdummung. Die Dummen bleiben dumm, die anderen macht man damit mürbe.

    Ich lebe nun seit über anderthalb Jahren ohne Fernseher. Und ich vermisse nichts! Rein gar nichts!

  2. Na wenn das nicht mal die passendste Beschriebung eines „perfekten Vormittags“ ist. Also für diejenigen, die eben NICHT arbeiten oder sich bilden wollen. Und dem Rest empfehle ich einfach mal öfter PHOENIX oder N24 zu schauen. Übrigens würde ich mir eine Fortsetzung dieses Experiments wünschen. Allerdings mit dem Abendprogramm des deutschen Fernsehens („Frauentausch“ & Co.).

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