Hi, I Love You

„Das ist total oberflächlich“, sagt er plötzlich. Er will das Kompliment über seinen Vollbart nicht annehmen. Seine barsche Reaktion verletzt mich irgendwie, denn ich mag Männer mit Bart nun mal. Dass ich ihn klug und spannend finde und gern küsse, traue ich mich beim zweiten Date noch nicht zu erwähnen. Oder doch? „Entschuldigung. Ich ziehe es zurück. Du bist ein kluger, charmanter Kerl. Und ich mag Deinen Duft.“ Daraufhin höre ich zwei Wochen lang nichts mehr von ihm. Und bin ratlos.
„Dann such Dir doch jemanden im Internet“, rät mir ein Freund. „So habe ich auch jemanden kennengelernt. Du kannst da alles eingeben, was Du toll findest: Bart, braune Haare, auf keinen Fall unter 1,80 Meter, Raucher, sportliche Figur“, erklärt er mir. Eigentlich habe ich mir geschworen, vor meinem 30. Geburtstag kein Date über das Internet klarzumachen. Doch ich versuche mich von jeglichen Erwartungen freizumachen und denke an meinen verknallten Freund. Sein Neuer sieht angeblich aus wie Jude Law. Dann will ich einen George Clooney. Also auf in die Flirtbörse.
Es ist seltsam, Fragen über Urlaubsziele, Heimatgefühle oder Essgewohnheiten auszufüllen. Ich erspare mir das meiste und suche stattdessen ein Porträtfoto raus, auf dem man mich nur ein bisschen erkennen kann. Skurril, sich oberflächlich bestmöglich zu präsentieren, um tiefgründige Liebe zu finden.
Nur einige Minuten, nachdem ich mich auf den Jahrmarkt der Eitelkeiten begeben habe, klicken die ersten Typen auf mein Profil. Niemand entspricht meinen Vorstelllungen, aber ich offenbar all ihren. „Ich möchte Dich möglichst zeitnah inhalieren“, fordert ein Macho Mitte 40 mit Schäferhund. „Ich empfinde Dich“, behauptet ein Bankangestellter mit lichten Haar. Trauriges Highlight inmitten von über hundert Nachrichten ist der forsche Versuch eines Enddreißigers, der auf seinem Profilbild im Garten steht: „Lust auf einen Vino- und Knuddelabend in Farmsen?“. Ich weiß nicht mal, wo das liegt.
Es ist schrecklich. Ich fühle mich billig. Angeblich bin ich ein „interessanter Kerl“ und habe „den Schalk in den Augen“. Bitte. Niemand schreibt intelligente Messages ohne Rechtschreibfehler, keiner hat Charme, doch alle benutzen inflationär Emoticons. Niemand sah bisher auch nur annähernd so aus wie George Clooney. „Du darfst nicht warten, bis die Männer auf Dich zukommen. Nutz die Suchmaske“, belehrt mich mein Online-Flirt-erprobter Freund. Ach so. „Da kannst Du doch alles eingeben: Augenfarbe, Größe und so weiter.“ Und wo gebe ich Grübchen ein? Oder seinen Duft? Oder die Stimmlage, wenn er lacht? Oder ob er viel oder wenig gestikuliert, ein kreativer Geist ist oder gern liest? „Vergiss es. Das musst Du alles rausfinden, wenn ihr Euch datet. Erst mal geht es um das Oberflächliche.“
Das gefällt mir nicht. Ich denke an den Mann, der lieber klug als gut aussehend erkannt werden will. Selbstbewusstsein ist attraktiv, aber wie sieht man das auf Profilfotos? Die meisten Typen haben fragwürdige Bilder. Oben ohne neben einer Palme, mit Hund auf dem Sofa oder mit Bier an der Theke. Ganz zu schweigen von all jenen, welche sich ganz in Natura zeigen. Nein danke.
Doch da: Ein Mann ähnelt tatsächlich George Clooney. Auf zwei Fotos könnte man meinen, er sei es wirklich. Ich schreibe ihm, dass ich ihn gern treffen würde. Einen Tag später stoßen wir in einer Bar an. Würde mein Date die Stimme verstellen, wäre die Clooney-Illusion nahezu perfekt. Natürlich mit anderer Kleidung. Und wir säßen jetzt versteckt vor Paparazzi und Fans in einer Ecke statt an der Tür. Eine Stunde betreiben wir netten Smalltalk, bis die Stimmung plötzlich kippt. Aus unerfindlichen Gründen driftet unser Kennenlerngeplänkel schlagartig in eine anstrengende Grundsatzdiskussion über Werte, Moral, Zukunftsangst und Pessimismus ab. Mein optimistisches Denken prallt an ihm ab. Es wird sehr müßig bis die Illusion zerplatzt.
Das Online-Date riecht nach edlem Herrenduft, ist im Gegensatz zu George geizig und enttäuscht von der ganzen Welt. Außerdem entdecke ich merkwürdige Bartstoppeln, die man nicht Bart nennen kann. Bisher hat er es nicht geschafft, mich zum Lachen zu bringen. Lebensfreude ist ihm fremd. „Pessimismus ist der neue Realismus“, sagt er und nippt am Bier. Während ich ihn wortlos anschaue, wünsche ich mir innerlich, dass er schweigt. Aber er jammert weiter.
Ich bezahle also die Rechnung, lade das Clooney-Double ein und verabschiede mich höflich. Auf dem Heimweg schicke ich einem echten Mann eine SMS. „Lust auf einen Vino- und Knuddelabend? Aber ohne Vino und Knuddeln. Auch ohne Bart, wenn Du willst.“
Bilder: Uwe Heinrich Adler

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