Miese Zeiten für Uwe

Ist Birgit attraktiv oder hässlich? Ist Christian dumm oder schlau? In welche Schublade wir jemanden stecken, hängt enorm von seinem Vornamen ab. Das haben deutsche Psychologen herausgefunden – sie verraten, mit welchen Namen man am besten wegkommt.
Es ist tatsächlich so: „Ein Vorname sagt mehr als 1000 Worte.“ Die Sozialpsychologen Udo Rudolph, Robert Böhm und Michaela Lummer haben im Titel ihrer Studie zusammengefasst, was bei vielen Menschen im Kopf abläuft, wenn sie einen Unbekannten kennenlernen – und in Deutschland noch nie erforscht wurde. Wenn einer zum Beispiel Uwe oder Werner heißt, dann hat der Mann seine besten Jahre doch sicher schon hinter sich. Und eine Leonie steht garantiert noch in der Blüte ihrer Jugend. Oder? Im Klartext: Vornamen machen einen Menschen älter oder jünger, mehr oder weniger attraktiv, gar dümmer oder klüger.
Wie heikel die Erkenntnisse über die Vornamen-Vorurteile für die Ottos und Dieters der Republik sein können, war auch den drei Chemnitzer Forschern klar. Deshalb gab Professor Rudolph seinem Diplomanden Böhm noch einen Rat, bevor er kürzlich vor Psychologen die Studie präsentierte: Keine Negativbeispiele, bitte! Wer weiß schon, wie viele im Plenum sich angegriffen fühlen? „Tatsächlich suchen immer jene Forscherkollegen nach Gegenargumenten, deren Vorname schlecht wegkommt“, sagt Robert Böhm. Die Kollegen führen dann an, sie würden zum Beispiel einen Werner kennen, der noch recht jung sei – und schlau obendrein! Böhm freut das dann. Denn „letztlich stützt jemand mit so einer Argumentation unsere Sicht“.
Die Chemnitzer Forscher haben den Mechanismus entschlüsselt, der hinter den Vornamens-Vorurteilen steckt: Wenn Menschen den Vornamen einer fremden Person hören, bilden sie anhand dessen erst eine Hypothese über das Alter des Unbekannten. Davon wiederum hängt ab, wie attraktiv und intelligent sie die Person einschätzen. Die Studie erforscht die „soziale Wahrnehmung von Vornamen“, liegt jetzt beim Fachmagazin „Zeitschrift für Sozialpsychologie“ vor und hat als Grundlage eine Umfrage unter rund 150 Versuchspersonen. Die Chemnitzer baten ihre Probanden zum Vorurteils-Test per Fragebogen – einem statistisch ausgefeilten Instrument mit 71 Seiten Umfang.
60 typische deutsche Vornamen hatten die Forscher ausgesucht, moderne, zeitlose und altmodische, und sie fragten: Würden Sie Ihre eigenen Kinder so nennen? Daraus schlossen die Psychologen, wie attraktiv die Probanden die Namen fanden.
Dann kamen sie zum Kern der Studie: Alle Namen wurden einzeln aufgeführt, die Teilnehmer sollten sich jeweils einen „durchschnittlichen Träger“ vorstellen und beantworten: Wie alt ist diese unbekannte Andrea, Anna oder Hannah? Wie intelligent ist Dirk, Frank oder Heiko? Und: „Wie attraktiv ist Ihrer Meinung nach der durchschnittliche Träger dieses Vornamens?“ Am Ende folgte noch die individuelle Geschmacks-Kür: Aus den 30 weiblichen und 30 männlichen Optionen der Liste mussten die Teilnehmer je zwei auswählen, die sie jetzt und heute ihren Kindern geben würden.
Die Wahl zwischen Dirk, Alexander oder David ist mehr als eine Deko-Entscheidung der Eltern, so viel wissen die Namensforscher mittlerweile. „Wenn wir einen Vornamen hören oder lesen, assoziieren wir damit automatisch bestimmte Merkmale des Trägers, zum Beispiel Geschlecht, Alter, Intelligenz, auch ethnische Zugehörigkeit und soziale Klasse“, schreiben sie.
Der Zusammenhang zwischen den Vornamen und dem Schubladendenken war bis Ende der neunziger Jahre nur im angelsächsischen Sprachraum erforscht. 1999 führte Udo Rudolph, damals noch an der Ludwig-Maximilians-Universität München, die erste Studie in Deutschland durch. Irgendwie hängen der Name und die Stereotype über Alter, Intelligenz und Attraktivität des Trägers zusammen, fand er heraus. Bloß wie?
Aus dem Zahlenberg nach der neuen Umfrage konnten die Wissenschaftler nun herauslesen, wie die Vorurteilskette funktioniert. Die statistische Analyse im sogenannten Mediationsmodell belegt: Von der Einschätzung des Alters hängen sowohl die Vorstellung von der Intelligenz als auch der Attraktivität des Unbekannten ab. Ähnliche Effekte kennen Psychologen schon aus Experimenten, in denen Testpersonen schöne Menschen durchweg für schlauer halten als hässliche.
Frauen
Altmodisch Zeitlos Modern
Andrea Anna Hannah
Birgit Claudia Johanna
Cornelia Jana Julia
Heike Katrin Katharina
Ines Maria Lara
Kerstin Susanne Laura
Manuela Lea
Petra Lena
Sabine Leonie
Silke Marie
Simone Sarah
Sylvia Sophie
Männer
Altmodisch Zeitlos Modern
Dirk Alexander David
Frank Andreas Felix
Heiko Christian Florian
Holger Matthias Jan
Jens Michael Jonas
Jörg Thomas Leon
Mario Luca
Mike Lukas
Olaf Maximilian
Peter Niklas
Torsten Paul
Uwe Tim
„Das Alter ist die zentrale Information im Vornamen“, sagt Böhm. Aber liegt das Gehirn mit dieser Vorgehensweise richtig? Die Forscher bemerkten, dass sich die Bewertung der Vornamen in den Kategorien altmodisch, zeitlos und modern deutlich unterschied (siehe Kasten) – obwohl die Probanden nichts von diesen Kategorien wussten, die die Forscher um die Namen herum konstruiert hatten. Die Wissenschaftler vermuten: Dass ein Name wie Olaf heute nicht mehr so oft wie in den fünfziger und sechziger Jahren vergeben wird, weiß man unterbewusst. So entsteht das Vorurteil, der durchschnittliche Träger müsse älter sein – und damit weniger attraktiv und intelligent.
Besonders für die Werbung seien die Ergebnisse interessant, sagen die Forscher. Die Vorurteile machen einen Namen als Werbeträger nützlich oder unbrauchbar: „So wird sich ein Uwe nur schwer als attraktives Jugendvorbild vermarkten lassen.“ Uwe war von den Probanden als besonders alt eingeschätzt worden – mit entsprechenden Folgen für die Träger des Namens.
Ein weiterer Nutzen der Studie: Auch bei psychologischen Tests und Experimenten können Textaufgaben künftig so gestellt werden, dass Beispiele nicht durch unbedachte Vornamen verzerrt werden. Diese Lehre haben schon US-Autoren aus früheren Studien gezogen, in denen es um Geschlechts- und ethnische Vorurteile ging: In den USA, wo Passfotos in Bewerbungen verboten sind, entwickeln die Menschen ein feines Gespür dafür, welche Hautfarbe sich hinter Namen versteckt.
Für werdende Eltern und Paare mit Kinderwunsch stellt sich nach der Chemnitzer Studie die Frage: Welcher Name verschafft dem Kind schon mit der Geburtsurkunde einen Startvorteil? „Ich würde einen zeitlosen Namen empfehlen“, sagt Böhm, „Anna oder Alexander.“ Zwar bekamen die Namen aus der modernen Kategorie die höchsten Zustimmungswerte. Doch könnten Mode- und Zeitgeist-Kinder unter der Schnelllebigkeit des Namensgeschmacks leiden.
Böhm warnt, dass „Menschen, die jetzt den Namen tragen, gar nicht mehr davon profitieren werden, wenn sie profitieren könnten“ – als Erwachsene also. Dann werden die Laras und Lauras, Leas, Lenas und Leonis von heute in die Schublade „Geburtsjahrgänge um die Jahrtausendwende“ gesteckt, genauso wie die heute kleinen Jungs namens Leon, Luca und Lukas. Modenamen hinterlassen ihre Spuren in wenigen Jahrgängen – und die schieben sich dann aufwärts durch das Altersprofil der Bevölkerung.
„Es ist aber fraglich, ob wir diesen Effekt in 10, 20 oder 30 Jahren auch noch beobachten können“, sagt Forscher Böhm. „Die Menge der vergebenen Namen wird nämlich immer größer.“ Die Chemnitzer Probanden gaben jedenfalls an, für sie seien bei den Namen der eigenen Kinder die Faktoren Modernität, Klang und Seltenheit am wichtigsten. Gerade Letzteres könnte die Namens-Häufung in ganzen Generationen abschwächen.
Vielleicht hat dann irgendwann selbst Uwe wieder eine Chance. Bis dahin kann er sich mit einer anderen Erkenntnis der Sozialpsychologie trösten: Sobald Beurteiler mehr kennen als nur den Vornamen, zum Beispiel ein Foto, hat der Vorname nur noch wenig Einfluss auf die Attraktivitätsbeurteilung. Und vielleicht sieht Uwe ja in Wirklichkeit total nett aus.

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